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Ein Beitrag von Viola Otte, Sprachmentorin in Leipzig
Lieblingsfiguren aus Büchern, Filmen und Serien sind für viele Kinder wichtige Begleiter. Denke ich an meine eigene Kindheit zurück, erinnere ich mich auch an meine Faszination für bestimmte Fernsehfiguren. Ich muss sieben oder acht Jahre alt gewesen sein, Deutschland bestand noch aus zwei Staaten, ich lebte in der DDR und war hingerissen vom „Westfernsehen“ und von den Kindersendungen, die dort liefen. Am meisten begeisterten mich die Verfilmungen von Pippi Langstrumpf. Wobei nicht Pippi mein Idol war, sondern Annika, mit ihrer liebevollen Familie und dieser Freundin, die stärker und unabhängiger war als jede erwachsene Person. Genauso wollte ich auch sein: wie Annika. Ein bisschen zaghaft, lieb und manchmal über sich hinauswachsend.
Heutige Kinder bewundern vielleicht nicht mehr Pippi Langstrumpf, sondern eher Feuerwehrmann Sam, der sich beherzt jeder Herausforderung stellt, oder Spider-Man, der mutig das Böse bekämpft. Bestimmt gehören auch Anna und Elsa dazu, die hilfsbereit sind und ihre Zauberkräfte für das Gute einsetzen.
Doch welche Rolle dürfen Medienfiguren im pädagogischen Alltag spielen? Sollten Kindertageseinrichtungen nicht vor allem mit „pädagogisch wertvoller“ Kinderliteratur aufwarten, die Kindern einen differenzierten Blick auf die Welt ermöglicht? Um diese Frage zu beantworten, lohnt sich ein Blick auf die Gründe für die scheinbar magische Anziehungskraft, die Medienfiguren auf Kinder ausüben.
Wieso fühlen Kinder sich häufig von scheinbar perfekten Alleskönnern oder quietschbunten Witzbolden angezogen – manchmal stärker als von den besonderen und klugen Charakteren in anspruchsvollen Kinderbüchern?
Nach Maya Götz, Leiterin des Internationalen Zentralinstituts für Jugend- und Bildungsmedien (IZI), spielen Medienheldinnen und Medienhelden bei der kindlichen Identitätsarbeit eine wichtige Rolle. Kindern orientieren sich an ihnen und finden in ihnen Sicherheit. Die bewunderten Figuren knüpfen an das Selbstbild der Kinder an und bestärken sie in ihren Werten. Die Geschichten erfüllen dabei eine doppelte Funktion: Sie spiegeln einerseits alltägliche Erfahrungen der Kinder wider und ermöglichen es Kindern andererseits, unerfüllte Bedürfnisse in der Fantasie auszugleichen.
Kinder identifizieren sich mit Medienfiguren und bewundern sie, weil sie Eigenschaften und Fähigkeiten haben, die die Kinder selbst gern hätten, aber (noch) nicht besitzen. Da ist beispielsweise Lightning McQueen, der seine Supergeschwindigkeit nutzt, um anderen zu helfen. Zugleich spiegeln die Figuren auch das eigene Leben wider: Anna und Elsa haben Freundinnen und Freundschaften, wie Kinder sie aus ihrem Alltag kennen. Marshall von Paw Patrol ist manchmal tollpatschig und bekommt Ärger, ganz wie im echten Kinderleben.
Medienheldinnen und Medienhelden faszinieren Kinder aber auch, weil sie Probleme lösen, gegen das Böse kämpfen und dafür sorgen, dass am Ende alles gut ausgeht. Das kann ihnen helfen, Alltagserfahrungen zu verarbeiten, und entspricht ihrem Bedürfnis nach Geborgenheit und Schutz.
Medienheldinnen und Medienhelden sind im Alltag vieler Kinder allgegenwärtig. In Filmen und Hörspielen verfolgen sie deren Geschichten, als Kuscheltiere begleiten die Figuren sie bis in die Kita und den Schlaf. Auf Rucksäcken, Brotdosen und Kleidungsstücken prangen die Gesichter ihrer Lieblingsheldinnen und -helden. Kinder schlüpfen in die Rollen von Anna und Elsa, Ninjago oder Ladybug, sie singen die Melodien ihrer Lieblingsserien und tragen Frisuren wie ihre TV-Idole.
Für die frühkindliche Pädagogik scheint die Konsequenz zunächst einfach: Wenn sich pädagogische Angebote an den Interessen der Kinder orientieren sollen, müssten lediglich passende Spielmaterialien und Bücher rund um ihre Lieblingsfiguren angeschafft werden. Ganz so einfach ist es jedoch nicht. Denn viele kommerzielle Medienfiguren transportieren stereotype Weltbilder – insbesondere im Hinblick auf Geschlechterrollen und andere gesellschaftliche Zuschreibungen, die auch rassistische Vorstellungen reproduzieren können. Weibliche Figuren werden häufig als schlank, langhaarig und mit idealisierten Körpermerkmalen dargestellt. Männliche Figuren erscheinen dagegen oft groß, stark und mutig.
Demgegenüber steht der Bildungsauftrag der frühkindlichen Pädagogik: Kindern ein vielfältiges und vorurteilsbewusstes Weltbild zu vermitteln, das ihnen ermöglicht, über den eigenen Tellerrand zu schauen sowie Toleranz und Diversität wertzuschätzen.
Doch wie lässt sich der Anspruch, die Themen der Kinder aufzugreifen und gleichzeitig ein vielfältiges, klischeefreies Weltbild zu vermitteln, miteinander vereinbaren?
Pädagogische Angebote sollten sich an den Interessen und der Lebenswelt der Kinder orientieren. Dazu gehört für viele Kinder auch die Begeisterung für Medienfiguren. Dieses Interesse zu ignorieren, hieße, wertvolle Bildungsgelegenheiten ungenutzt zu lassen. Ebenso wäre es wenig kindorientiert oder wertschätzend, die Lieblingsfiguren der Kinder abzuwerten oder zu belächeln. Gerade für die sprachlichen Bildung bietet die Begeisterung für Medienheldinnen und Medienhelden zahlreiche Anknüpfungspunkte. Sie schafft Gesprächsanlässe, bei denen Kinder ihr Wissen, ihre Erfahrungen und ihre Begeisterung einbringen können. Dabei erleben sie sich als Expertinnen und Experten: oft kennen sie ihre Lieblingsfiguren und deren Geschichten deutlich besser als die pädagogischen Fachkräfte. Diese Erfahrung stärkt ihr Selbstvertrauen und ihre Selbstwirksamkeit.
Gleichzeitig eröffnen Gespräche über Medienfiguren die Möglichkeit, gemeinsam über deren Eigenschaften, Rollenbilder und Klischees nachzudenken und andere Perspektiven kennenzulernen. Warum ist eine Figur mutig? Was macht sie zu einer guten Freundin? Müssen Heldinnen immer schön und Helden immer stark sein? Und wer kann eigentlich alles ein Held oder eine Heldin sein?
Die vertrauten Figuren können außerdem ein guter Ausgangspunkt dafür sein, Kinder an neue Geschichten, Bücher und Materialien heranzuführen. So lassen sich Themen wie Freundschaft, Mut, Hilfsbereitschaft oder Abenteuer aufgreifen und mit vielfältigen und weniger stereotypen Darstellungen verbinden.
Jedes Kind bringt ein Bild, ein Kuscheltier oder eine Figur seiner Lieblingsheldin oder seines Lieblingshelden mit und erzählt davon. Die Kinder erzählen, welche Figuren sie besonders mögen und warum. Gemeinsam wird über deren Eigenschaften, Stärken und Besonderheiten nachgedacht.
Aus verschiedenen Materialien entstehen Fantasiefiguren. Gemeinsam mit den Kindern überlegen, welche Fähigkeiten ihre Figuren haben und was sie besonders macht.
Mit Kostümen, Tüchern und Alltagsmaterialien schlüpfen die Kinder in verschiedene Rollen und entwickeln eigene Geschichten. Dabei können sie vertraute Figuren verändern oder neue Charaktere erfinden.
Gemeinsam mit den Kindern werden Lieder aus ihren Lieblingsgeschichten oder -serien gesungen und ihre Inhalte besprochen. Dabei können auch Gefühle, Handlungen und Entscheidungen der Figuren thematisiert werden.
Bücher und Erzählangebote greifen vertraute Themen wie Freundschaft, Mut oder Abenteuer auf und eröffnen Kindern neue Perspektiven auf unterschiedliche Lebenswelten.
Medienheldinnen und Medienhelden gehören für viele Kinder zur Lebenswelt und bieten wertvolle Anknüpfungspunkte für die pädagogische Arbeit. Ihre Interessen aufzugreifen, schafft Gesprächsanlässe, stärkt das Selbstvertrauen und eröffnet Möglichkeiten, gemeinsam über Werte, Rollenbilder und unterschiedliche Lebenswelten nachzudenken. Entscheidend ist dabei nicht, jede Lieblingsfigur unkritisch zu übernehmen, sondern die Begeisterung der Kinder als Ausgangspunkt für vielfältige Erfahrungen und neue Perspektiven zu nutzen.
Wie Medienhelden die Kita-Arbeit erleichtern, berichtet die Erziehungs- und Bildungswissenschaftlerin Kira Stomberg.
Der Medienkindergarten (MeKi) ist ein Informationsportal zur Unterstützung medienpädagogischer Aktivitäten. Hier gibt es Informationen zum Thema Medienbildung im Kindergarten sowie Praxisideen und Tipps. Auch Medienhelden spielen hier eine Rolle.
Und auch das Informationsangebot des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) beschäftigt sich mit der Bedeutung von Medienhelden für Kinder.
Interessante Angebote rund um Medienbildung und Medienpädagogik in Sachsen finden sich bspw. hier:
Weitere Impulse rund ums Kinderbuch gibt es hier.