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Ein Beitrag des Projektes Glitzerkiste des Gerede e.V. in Dresden
Bücher und Geschichten regen unsere Fantasie an und verzaubern uns mit ihren Figuren. Besonders dann, wenn wir uns mit den Figuren identifizieren können!
Was sichtbar gemacht und benannt wird, prägt unsere Realität und beeinflusst unsere Vorstellungen von Gesellschaft. Die Bilder und Geschichten in Büchern formen die Sicht von Kindern auf die Welt und ihre Mitmenschen. Wenn in Kinderbüchern beispielsweise keine Frauen auf Baustellen arbeiten oder keine Menschen dargestellt werden, die Gebärdensprache nutzen, entsteht möglicherweise der Eindruck, dass es diese Lebenswirklichkeiten nicht gibt. Deshalb braucht es Kinderbücher, die vielfältige Lebensrealitäten zeigen – ebenso wie pädagogische Fachkräfte mit einem diversitätssensiblen Blick.
Mit diversitätssensibel ist eine Haltung gemeint, die allen Menschen – unabhängig von ihren Eigenschaften – mit Wertschätzung und Respekt begegnen möchte. Dazu gehören auch die Reflexion eigener Normen und Vorurteile, die Auseinandersetzung mit verschiedenen Diversitätsdimensionen sowie die Bereitschaft, sich aktiv für Wertschätzung und Teilhabe einzusetzen.
Diversität beschreibt die Vielfalt menschlicher Eigenschaften und Lebensweisen. Sie zeigt sich unter anderem in folgenden Diversitätsdimensionen:
Auch in Kinderbüchern spielen diese Dimensionen eine Rolle. Ein diversitätssensibler Umgang mit Kinderbüchern bedeutet, Vorurteilen und Benachteiligungen in Bild und Text aktiv entgegenzuwirken. Dabei helfen insbesondere die Spiegel- und Fensterfunktion von Büchern.
Die Fensterfunktion eröffnet Kindern durch Texte und Bilder Einblicke in Lebenswelten, die ihnen bislang unbekannt sind. Wie durch ein Fenster können sie andere Erfahrungen, Familienformen oder Lebensweisen kennenlernen und ihren Horizont erweitern.
Beispiel: Ein Einzelkind, das mit Mutter und Vater in einem großen Haus lebt, liest ein Buch über den Alltag einer Figur, die mit mehreren Geschwistern und zwei Müttern in einer Dreiraumwohnung lebt.
Die Spiegelfunktion ermöglicht Kindern Identifikation. Sie fragen sich dabei gewissermaßen: „Bin ich das? Finde ich mich wieder? Hat das etwas mit mir zu tun?“
Beispiel: Ein Kind, das im Rollstuhl sitzt, liest ein Buch, in dem die Hauptfigur ebenfalls im Rollstuhl sitzt und selbstbestimmt Abenteuer erlebt.
Das Sich-Wiederfinden in Büchern hat positive Auswirkungen auf Kinder. Es stärkt das Gefühl von Zugehörigkeit und die Wertschätzung der eigenen Identität („Ich bin Teil dieser Gesellschaft und wertvoll“). Zudem können Selbstwertgefühl und Selbstakzeptanz wachsen, wenn Kinder sich in Geschichten und Bildern wiedererkennen („Ich bin gut so, wie ich bin“).
Bleibt diese Erfahrung aus, entfalten sich diese positiven Effekte nicht. Stattdessen können einseitige Darstellungen bestehende Machtverhältnisse und Privilegien bestimmter Gruppen verstärken. So gilt in vielen Kinderbüchern weiterhin die sogenannte „traditionelle Kleinfamilie“ als Norm, obwohl Familienformen in der Realität deutlich vielfältiger sind.
Lesen bildet. Gleichzeitig kann Lesen jedoch auch dazu beitragen, gesellschaftliche Normen unkritisch zu übernehmen – selbst dann, wenn diese Ausgrenzung oder Diskriminierung fördern. Queere Familien oder Einelternfamilien werden beispielsweise deutlich seltener dargestellt, gleichzeitig sind es gerade diese Familienformen, die häufiger Ablehnung oder Diskriminierung erfahren.
Kinderbücher spiegeln somit gesellschaftliche Machtverhältnisse und Privilegien wider. Manche Kinder finden ihre Lebensrealität in Büchern häufig und wertschätzend dargestellt. Andere hingegen entdecken sich gar nicht, nur selten oder lediglich in stereotypen beziehungsweise abwertenden Rollen wieder.
Ein diversitätssensibler Umgang mit Kinderbüchern verfolgt das Ziel, dass sich alle Kinder in ihrer Lebensrealität wertschätzend repräsentiert fühlen können. Geschichten sollen Kinder stärken, ermutigen und ihnen das Gefühl vermitteln, angenommen zu sein. Dafür braucht es die bewusste Mitwirkung von Erwachsenen.
Die oben genannten Schritte können Empathie, Perspektivübernahme und soziale Gerechtigkeit fördern. Geschichten und Bilder beeinflussen die Entwicklung und das Aufwachsen junger Menschen maßgeblich. Deshalb sollte die Darstellung vielfältiger Lebensrealitäten in Büchern keine Ausnahme, sondern selbstverständlich sein. Kinderbücher sollten die Vielfalt unserer Gesellschaft widerspiegeln und sichtbar machen.
Im Katalog der Glitzerkiste findet ihr eine große Auswahl an diversitätssensiblen Kinderbüchern. Dieser kann gern als Inspirationsquelle genutzt werden.
Die Glitzerkiste ist ein Projekt des Dresdner Gerede e.V., bei dem im Raum Dresden kostenlos diversitätssensible Kinderbücher (0-12 Jahre) ausgeliehen werden können.
Kontakt: glitzerkiste@gerede-dresden.de
Weitere Texte rund ums Kinderbuch gibt es hier.