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Ein Beitrag von Franziska Angermann
Als Kind zog mich ein eingestaubtes Buch auf dem obersten Regal meines Opas magisch an. Als er meine Faszination für das Buch bemerkte, holte er es für mich herunter. Der dicke, erhabene Einband und die hauchdünnen Seiten mit verschnörkelter Schrift, die ich nicht entziffern konnte, faszinierten mich, genauso wie die Haptik und der besondere Geruch. Vielleicht entfachte genau dieses Buch meine Liebe zu Büchern bis heute. Auf jeden Fall lädt es mich dazu ein, darüber nachzudenken, welchen Einfluss sinnliche Erfahrungen mit Büchern für die Stärkung der Lesefaszination haben. Denn Bücher sind mehr als nur Text: Sie öffnen Erlebniswelten, die alle Sinne berühren.
Meist wählen Erwachsene Bücher nach ihrem eigenen Geschmack für Kinder aus. Doch Kinder entdecken Bücher oft selbst – und das ist gut so. Denn wenn sie selbst entscheiden dürfen, stärkt das ihre Selbstwirksamkeit und weckt die Freude am Lesen.
Dabei zählt nicht nur der Inhalt, sondern auch die Form: Bindung, Material und Format eines Buches spielen eine Rolle. Sie sprechen unterschiedliche Sinne an und erreichen so Kinder mit verschiedenen Vorlieben.
Schon im 18. Jahrhundert betonte Pestalozzi mit seinem Ansatz „Kopf, Herz und Hand“, wie wichtig das Zusammenspiel von Denken, Fühlen und Handeln für das Lernen ist. Übertragen wir das auf Bücher, entspricht der Inhalt dem „Kopf“ – also dem Denken. Doch in diesem Text geht es um die anderen beiden Aspekte: um das Fühlen („Herz“) und das Erleben („Hand“), also die Materialität und Sinnlichkeit von Büchern.
Denn wenn wir wissen, dass Lernen besonders gut gelingt, wenn es alle Sinne anspricht, haben wir einen Schlüssel – jenseits des reinen Inhalts. Also: Wie können Bücher das Herz berühren und die Hand zum Greifen einladen?
Der Mensch ist ein visuelles Wesen. Bücher gehören nicht versteckt in Schränke, sondern ins Blickfeld der Kinder. Sei es greifbar in Reichweite oder bewusst platziert, um Neugier zu wecken. Manche Bücher, wie empfindliche Pop-Up-Bücher, stehen möglicherweise außerhalb der direkten Reichweite, doch aufmerksame Erwachsene erkennen das Interesse der Kinder und reichen sie auf Nachfrage oder beim Erkennen der Feinsignale – wie mein Opa.
Bücher gehören in alle Räume: in den Speiseraum, in die Bauecke als Inspiration. Ein Wechsel der Bücher schafft neue visuelle Reize, und gemütliche Leseecken laden zum Verweilen ein.
Doch Geschmack ist individuell: Manche Kinder lieben verstaubte Bücher, andere quietschbunte Bilder, düstere Illustrationen oder besondere Schriften. Arabische Schriftzeichen, witzige Vorsatzpapiere oder gestaltete Buchschnitte – jeder findet seinen eigenen Zugang. Über die Augen zum Buch: So entsteht Neugier.
Reflexionsfragen
Der Mensch ist auch ein auditives Wesen. Geräusche, Stimmen und Klänge prägen uns schon im Mutterleib. Bücher sollten daher nicht nur zum Sehen, sondern auch zum Hören einladen: durch abwechslungsreiches Vorlesen, Hörbücher und Geräusche, die Geschichten begleiten.
Doch wie klingt ein Buch? Nicht nur die vertraute Stimme beim Vorlesen oder mehrsprachige Geschichten, auch das Rascheln der Seiten, das Quietschen eines Badewannenbuchs oder das Knacken eines nagelneuen Buches beim ersten Aufschlagen sind damit gemeint. Manche Kinder begeistern sich für interaktive Bücher, die auf Knopfdruck Tierlaute oder Lieder abspielen. Bücher mit QR-Codes, die zu Hörbeispielen ungewöhnlicher Instrumente führen, laden gemeinsam mit einer Fachkraft zu weiteren Entdeckungen ein.
Reflexionsfragen
Druckfrische Bücher duften intensiv, Bücher aus Graspapier riechen nach Heu und gebrauchte Exemplare aus Bücherschränken oder Verschenke-Kisten tragen manchmal einen muffigen Charme. Gerüche wecken Emotionen und Erinnerungen an Orte, Menschen oder besondere Momente. Auch Bibliotheken und Buchhandlungen haben ihren unverwechselbaren Duft. Warum also nicht diese Geruchserlebnisse bewusst mit positiven Erfahrungen verknüpfen? Witzig sind auch Duftbücher, deren Seiten beim Reiben Aromen wie Schokolade oder Zitrone freisetzen und so die Sinne zusätzlich anregen.
Reflexionsfragen
Kinder entdecken die Welt mit allen Sinnen und der Mund spielt dabei eine zentrale Rolle. Besonders in der oralen Phase erkunden sie ihre Umgebung mithilfe ihres Mundes und der Zunge. Warum also nicht auch Bücher anbieten, die diesem Bedürfnis gerecht werden?
Robuste Bücher aus Stoff, Holz oder stabiler Pappe laden zum Ertasten ein und halten auch mal einem Biss stand. Doch wie fühlen sie sich an? Sind sie glatt, rau oder weich? Wichtig ist, dass die Materialien und Farben ungiftig, speichelfest und sicher für Kindermünder sind. Bücher, die etwas aushalten, ermöglichen es Kindern, ihre Neugier ohne Verbote auszuleben.
„Schmecken“ kann auch metaphorisch verstanden werden: Bücher, die „Appetit machen“ auf Geschichten, Wissen und Entdeckungen. Vielleicht regen Texturen, die an Lebensmittel erinnern, oder eine einladende Gestaltung die Sinne an. Und in der Küche könnten Kochbücher zum gemeinsamen Ausprobieren einladen. Sozusagen vom Betrachten zum Nachmachen.
Reflexionsfragen
Unsere Hände sind ein wichtiges Werkzeug zum Begreifen. Bücher lassen sich nicht nur lesen, sondern auch fühlen, halten und erkunden. Wie ein Buch in der Hand liegt, wie sich seine Seiten anfühlen, welche Form, welches Gewicht und welches Material es hat, prägt das Leseerlebnis von Anfang an.
Bücher gibt es in unzähligen Varianten: aus Holz mit abgerundeten Ecken für die Kleinsten, aus Stoff, Kunststoff oder wasserfester Pappe, die auch mal einen Biss aushalten. Besonders faszinierend sind Extreme wie winzige Bücher oder riesige Pappbände, die zum gemeinsamen Entdecken einladen. Bücher mit Brailleschrift, Fühlpfaden oder besonderen Texturen machen Geschichten greifbar und wecken die Neugier.
Auch die Form spielt eine Rolle. Bücher müssen nicht immer rechteckig sein. Runde, besonders schmale oder Bücher mit unterschiedlich großen Seiten laden zum Spielen ein. Besonders spannend sind Aktionsbücher: Schüttelbücher, bei denen sich Figuren bewegen, Klappbücher mit versteckten Überraschungen oder Bücher mit Soundknöpfen, die Geräusche abspielen. Die Bindung beeinflusst, wie wir ein Buch halten: Ring- oder Layflatbindungen lassen sich komplett aufklappen, feste Einbände geben Halt, und Stoffrücken laden zum Streicheln ein.
Selbst wenn ein Buch kaputtgeht, wird es zum Erlebnis: Gemeinsames Reparieren schult die Feinmotorik und zeigt, dass Bücher wertvoll sind. Und wenn es nicht mehr zu retten ist, werden die Seiten zum Bastelmaterial.
Auch digitales Lesen findet hier seinen Platz. Manche Kinder lassen sich durch Lernstifte, die bei Berührung der Seite sprechen, für Bücher begeistern, andere durchs Vorlesen auf dem Tablet, weil sie das Wischen als Teil des Erlebnisses wahrnehmen.
Abwechslung ist der Schlüssel: Mal ein schweres Pappbuch, mal ein leichtes E-Book, mal ein Buch mit interaktiven Elementen – Hauptsache, die Hände und alle Sinne bleiben in Bewegung.
Reflexionsfragen
Bücher sind zum Spielen da und genau darin liegt ihr besonderes Potenzial.
Die Erinnerung an das geheimnisvolle Buch auf dem Schrank zeigt: Faszination entsteht dort, wo Bücher sinnlich erfahrbar werden. Wenn Kinder Bücher nicht nur sehen, sondern auch hören, ertasten und sogar riechen und schmecken dürfen, entfalten sie ihre Wirkung als Erlebnisräume, die weit über den reinen Inhalt hinausgehen. Leseförderung gelingt daher nicht allein über Texte, sondern über ganzheitliche Erfahrungen mit Kopf, Herz und Hand.
Spielen ist dabei Lernen.
Indem Kinder Bücher schütteln, beschnuppern, erkunden oder auch reparieren, wird die aktive Auseinandersetzung zu einer bedeutungsvollen Erfahrung. Bücher werden zu magische Alltagsbegleitern, die als Spielobjekt, Kunstwerk und Sinneserlebnis zugleich wirken. Ihre Form, Materialität und Gestaltung ist dabei ebenso bedeutsam wie ihr Inhalt.
So zeigt sich: Es gibt nicht den einen Zugang zum Buch, sondern viele. Vielfalt in Form und Material eröffnet unterschiedliche Wege zur Lesefaszination. Denn Leseförderung ist kein starres Konzept, sondern lebendig, kreativ und individuell. Wo Neugier geweckt wird und Kinder Bücher mit allen Sinnen entdecken dürfen, entsteht Lesefreude.
Für sinnliche und ganzheitliche Erfahrungen über das Medium Buch an sich hinaus lohnt sich ein Blick in die Handreichung „Erlebte Bücher“, die zeigt, wie Bilderbücher gezielt in den unterschiedlichen Bildungsbereichen genutzt werden können.
Die Handreichung „Mehr als Vorlesen – Vielseitige Ansätze zur sprachlichen Bildung und Sprachförderung für die Jüngsten“ bietet vielseitige Impulse, wie mit Büchern und kreativen Methoden die Sprachentwicklung und Literacy-Kompetenzen von Kindern unter 3 Jahren gezielt gefördert und unterstützt werden können.
Kostenfreie digitale Geschichten ganz ohne Anmeldungen finden sich auf www.einfachvorlesen.de.
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