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Lautsprachunterstützende Gebärden im Kita-Alltag waren das Schwerpunktthema eines Online-Treffens von Sprachmentorinnen und Sprachmentoren im Rahmen des Landesprogramms. Zu dem Treffen hatte der Arbeitskreis Unterstützte Kommunikation eine Expertin zum Interview eingeladen: Annett Spadt-Thielemann – zertifizierte Kursleiterin der Zwergensprache – führte praxisnah und anschaulich in dieses Konzept eines lautsprachunterstützenden Gebärdensystems ein und zeigte die Potenziale für den pädagogischen Alltag in Kita und Hort auf.
Die Zwergensprache besteht aus vereinfachten Gebärden, die an die Deutsche Gebärdensprache (DGS) angelehnt sind, jedoch gezielt an die Motorik kleiner Kinderhände angepasst wurden.
Der Wortschatz umfasst etwa 150 alltagsnahe Gebärden, die sich am typischen Kita-Alltag orientieren (z. B. Essen, Trinken, Wickeln, Spielen). Lautsprachunterstützende Gebärden dienen als Brücke zur Lautsprache und unterstützen Kinder dabei, sich schon früh verständlich zu machen – auch dann, wenn die gesprochene Sprache noch nicht oder nur eingeschränkt zur Verfügung steht.
Die Referentin machte deutlich, dass der Einsatz von Gebärden weit über Sprachförderung hinausgeht:
Darüber hinaus macht das gemeinsame Lernen und Gebärden Spaß, motiviert Kinder und Erwachsene gleichermaßen und ist kein zusätzlicher Mehraufwand – denn „die Hände sind immer dabei“.
Kinder reagieren in der Regel sehr positiv und neugierig, da neben dem auditiven auch der visuelle Kanal angesprochen wird. Besonders stark werden lautsprachunterstützende Gebärden von Kindern angenommen, die sie unbewusst als Hilfe zur Verständigung erleben. Auch im Gruppenkontext zeigt sich ein großer Mehrwert, etwa wenn einzelne Kinder noch nicht sprechen können und trotzdem aktiv teilhaben.
Das Lernen der Gebärden erfolgt spielerisch und nebenbei, vergleichbar mit dem handlungsbegleitenden Sprechen:
Wichtig ist dabei: Perfektion ist nicht das Ziel. Kinder werden nicht auf „falsche“ Gebärden hingewiesen – im Gegenteil: Wenn ein Kind eine eigene Gebärde für einen Begriff entwickelt, wird diese genauso als Ausdruck gelungener Kommunikation gewertet, wie anfangs lautsprachlich noch nicht korrekt artikulierte Wörter wie „Tis“ (für „Tisch“) oder „tomm!" (für „komm!“). Bei lautsprachunterstützenden Gebärden greift das Korrektive Feedback also genauso wie in der Lautsprache: Inhalt geht vor Form.
Hilfreich für das Dranbleiben sind:
Viele Gebärden erschließen sich intuitiv, einige werden ohnehin schon genutzt (z. B. beim Händewaschen).
Ein zentraler Erfolgsfaktor ist die Einbindung der Eltern. Vorgestellt wurden u. a.:
Besonders motivierend ist es für Fachkräfte, wenn Eltern bereits Baby-Gebärden-Kurse besucht haben und die Gebärden aus dem familiären Kontext bekannt sind.
Rückmeldungen aus Eltern-Kind-Gruppen und deren Nachschulungen zeigen: Familien und Fachkräfte bleiben dran, weil sie die Vorteile im Alltag deutlich erleben. Gebärden erweisen sich zudem als niedrigschwelliger Zugang, um Eltern aktiv in die Sprachförderung einzubeziehen.
Auch für Schulen mit DaZ-Angeboten und als profilbildendes Element für Kitas können lautsprachunterstützende Gebärden ein wertvolles Instrument sein – gerade in herausfordernden Zeiten.
Lautsprachunterstützende Gebärden sind weit mehr als ein unterstützendes Kommunikationsmittel. Sie stärken Beziehungen, ermöglichen Teilhabe, machen Freude und eröffnen Kindern frühzeitig Wege in die Sprache: ein Gewinn für Kinder, Familien und pädagogische Fachkräfte gleichermaßen.
Wann genau sind lautsprachunterstützende Gebärden im Kita-Alltag eigentlich besonders hilfreich und wie lassen sie sich konkret integrieren? Mehr dazu in unserem Interview:
Julia Mende, Landesprogramm-Koordinatorin: Wie sieht der Alltag in einer Kita oder Krippe aus, wenn lautsprachunterstützende Gebärden eingesetzt werden?
Annett Spadt-Thielemann: Ich beginne gern mit dem Spaßfaktor. Sprache, Sprachentwicklung und Kommunikation sollen Freude machen – denn was Spaß macht, fördert nachhaltig. Lautsprachunterstützende Gebärden lassen sich sehr gut in alltägliche Kita-Situationen integrieren, zum Beispiel im Morgenkreis, im freien Spiel oder bei Projektangeboten.
Schon einfache Ankündigungen wie „Wir setzen uns hin“, „Wir singen gleich ein Lied“ oder „Ich lese euch ein Buch vor“ können gebärdend begleitet werden. Beim Vorlesen, mit dem Kamishibai oder bei Liedern lassen sich Inhalte visuell unterstützen. Das regt Kinder sehr an: Sie bleiben aufmerksam, haben Spaß und sitzen selbst im Krippenalter interessiert dabei.
Kinder erleben Sprache dabei über mehrere Sinneskanäle. Sie hören, sehen und handeln mit. Dadurch sind sie motivierter und können sich Inhalte deutlich besser merken.
In welchen Situationen sind Gebärden im Kita- oder Krippenalltag besonders hilfreich?
Ein ganz zentraler Bereich sind Übergangssituationen. Diese können für Krippenkinder stressig sein, zum Beispiel beim Anziehen, beim Gang zur Toilette oder beim Händewaschen.
Gebärden helfen hier enorm, Abläufe verständlich und vorhersehbar zu machen: „Ich helfe dir“, „Wir gehen jetzt Hände waschen“ oder „Wir putzen die Zähne“. Gerade für Kinder, die Deutsch als Zweitsprache lernen, für Kinder mit Sprachentwicklungsverzögerungen oder sogenannte Late Talker, ist das eine große Unterstützung. Sie bekommen ein Werkzeug an die Hand, mit dem sie sich ausdrücken können – auch ohne bereits sprechen zu können.
Es gibt Gebärden, die selbsterklärend sind, andere weniger. Wie lernen Kinder diese Zeichen?
Hier gilt ganz klar: Wiederholung ist der Schlüssel zum Erfolg. Gebärden müssen konsequent in verschiedenen Kontexten genutzt werden – im Spiel, in Routinen und im Alltag. Wenn Kinder die Gebärden regelmäßig erleben, erschließen sie sich deren Bedeutung ganz selbstverständlich.
Manche Eltern befürchten, dass Kinder durch Gebärden weniger motiviert sind, sprechen zu lernen. Was entgegnen Sie?
Diese Sorge begegnet mir häufig – nicht nur bei Eltern, sondern auch bei Fachkräften. Ich erkläre es gern mit einem Vergleich: Ein Kind, das krabbeln lernt, bleibt nicht dauerhaft auf dem Boden. Es möchte laufen lernen.
Genauso ist es mit Sprache. Kommunikation ist intrinsisch motiviert. Menschen wollen sprechen. Mit zunehmender aktiver Sprachentwicklung verlieren sich die Gebärden ganz von selbst.
Passiert das wirklich automatisch?
Ja. Sobald die Lautsprache stärker wird, werden die Gebärden immer weniger genutzt.
Wie groß ist der Wortschatz der Zwergensprache im Kita-Alltag?
Der Kita-Wortschatz umfasst etwa 150 Gebärden. Er ist an die Deutsche Gebärdensprache angelehnt, vereinfacht und auf den Wortschatz von Kindern ausgerichtet – etwa dem eines dreijährigen Kindes.
Im Alltag werden dabei keine ganzen Sätze gebärdet, sondern Schlüsselwörter. Das macht die Anwendung praktikabel und alltagstauglich.
Wie werden diese Gebärden in den Einrichtungen eingeführt?
In der Regel über eine intensive Tagesschulung für pädagogische Fachkräfte. An diesem Tag geht es nicht nur um die Gebärden selbst, sondern auch um eine Auffrischung der kindlichen Sprachentwicklung – etwas, das viele Fachkräfte als sehr wertvoll empfinden.
Wir machen uns bewusst, dass Gestik, Mimik und Körpersprache ohnehin Teil unserer Kommunikation sind. Die Zwergensprache gibt dafür einen einheitlichen Wortschatz vor. Das ist wichtig, denn häufig nutzen Menschen zwar Gesten, aber jede und jeder anders. Mit Gebärden sprechen alle dieselbe „visuelle Sprache“.
Die Fachkräfte lernen an diesem Tag alle 150 Gebärden kennen, üben intensiv, singen Lieder, arbeiten mit Reimen und Büchern und bekommen unterstützende Materialien sowie Videoanleitungen. Entscheidend ist außerdem das Team: Das gemeinsame Wissen trägt die Umsetzung im Alltag.
Nach welchen Kriterien wurden die 150 Gebärden ausgewählt?
Die Auswahl habe ich nicht selbst getroffen. Der Wortschatz basiert auf dem Bestand der Deutschen Gebärdensprache. Er orientiert sich am kindlichen Wortschatz und an dem, was im Kita-Alltag wirklich relevant ist.
Vielen Dank für das Interview!
Weitere Informationen:
Appelbaum, Birgit (2016). Gebärden in der Sprach- und Kommunikationsförderung. Idstein (Schulz-Kirchner-Verlag)
Schrader, Beate; Dangschat, Hendrik (2025). Lautsprachunterstützende Gebärden im Schulalltag. Hamburg (Persen Verlag)
Außerdem interessant:
Gebärdenlernprogramm mit Videos www.sign-digital.de
Inklusive Sprachlern-App (als Kommunikationshilfe im Alltag): www.eis-app.de
Daumenkinos für Gebärden: www.talkinghandsflipbooks.com